Überlegungen zur Heimat
Während ich für diesen Film („10 bis 20 Halden“) recherchiere, vergeht der Tag der Deutschen Einheit.
Erst durch den Krieg in der Ukraine und die Nähe zu den Ukrainer*innen habe ich etwas über mein eigenes Verhältnis zu meiner Heimat und zu Deutschland gelernt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen mit dem Bewusstsein über den Nationalsozialismus und einem zu Recht gebrochenen Verhältnis zu nationaler Identität. Als Kind italienischer Auswanderer habe ich in meiner Familie nie etwas über den italienischen Faschismus und seine Kolonialkriege gelernt – erst viel später.
Als Jugendlicher hatte ich – anders als in Deutschland – oft den Eindruck, Italien könne es sich eigentlich leisten, stolzer auf sich zu sein: „Dort ist es so schön, das Klima ist so freundlich, das sichtbare kulturelle Erbe der Städte, Künste und Landschaften ist wahrlich bewahrenswert.“ Gleichzeitig dachte ich damals immer wieder: Wenn die Deutschen darüber herrschen würden, wäre alles ordentlicher und der Umgang mit dem Schönen vielleicht respektvoller.
Heute als Erwachsener sehe ich klarer: Italien wäre nicht so schön, wenn die Deutschen oder irgendjemand sonst darüber herrschen würde. Der Wunsch nach Ordnung und Bewahrung drückt vielmehr das Bedürfnis nach Zugehörigkeit aus und die Schwierigkeit, Widersprüche auszuhalten.
Die Ukrainer*innen verteidigen ihr Land gegen einen imperialen Angriffskrieg. Ihre Haltung zeigt mir deutlich: Man kann seine Heimat lieben und sie verteidigen, ohne Faschist zu sein. Ortsbezug, die Bindung an eine Landschaft, eine Sprache, eine Kultur muss nichts Reaktionäres sein. Man kann für die eigene Sprache, die Landschaft und die kulturellen Traditionen einstehen, ohne andere auszuschließen oder zu unterwerfen.
Aber dieser Ortsbezug kann in Deutschland nicht ungebrochen national gedacht werden. Gerade weil die deutsche Geschichte einen „gesunden Nationalstolz“ unmöglich macht, braucht es andere Formen der Verortung: Regionale Erinnerungskultur, lokale Geschichte, kritische Auseinandersetzung mit dem Ort. Die Halden des Mansfelder Landes sind keine nationalen Monumente. Sie sind Orte einer widersprüchlichen Geschichte von Arbeit und Ausbeutung, von Fortschritt und Zerstörung, von Solidarität und Vereinnahmung, von Heimat und Entfremdung.
Identität ist notwendig und gefährlich. Sie kann verbinden und sie kann ausgrenzen. Sie kann emanzipatorisch sein (wie die Arbeitersolidarität zwischen Gerbstedt und Kriwoi Rog) oder reaktionär (wie der AfD-„Stolz-Pass“). Die Frage ist nicht, ob wir Identität brauchen, sondern welche Identität wir wählen. Eine, die sich nach innen abschottet und nach außen expandiert oder eine, die sich kritisch zu ihrer eigenen Geschichte verhält, die Widersprüche aushält und die Komplexität des Ortes erzählt.
Es ist wichtig, nicht in intellektuelle Faulheit zu verfallen. Nicht jede Form von Ortsbezug ist rechts. Nicht jede regionale Identität ist progressiv. Die Halden lehren, dass Boden das ist, welche Lehren man aus seiner Geschichte zieht – von Arbeit und Gewalt, von Reichtum und Vergiftung, von Fortschritt und Zerstörung, von Zugehörigkeit und Vertreibung.
